Von Aal bis Zementfabrik
Kleines historisches Wunstorf-Lexikon

Aal

„Wenn der Hannoveraner an Steinhude denkt, bekommt er Appetit auf die fetten Aale“, schrieb einst der Schriftsteller Frank Thiess, der in den 1920er und 1930er Jahren am Steinhuder Meer gelebt hat. Seit Aufkommen des Steinhuder-Meer-Tourismus hat vor allem der Aal eine große Beliebtheit erlangt und wird noch heute als „echter Steinhuder Räucheraal“ auch überregional geschätzt. Dabei sind jedoch der starken Nachfrage wegen viele der in Steinhude verkauften Aale importiert, um in den hiesigen Räuchereien nach Steinhuder Rezept für den Verkauf zubereitet zu werden.

Der Lebenszyklus des Aals beginnt – ob im Steinhuder Meer gefangen oder eingeführt – tausende Kilometer entfernt im Sargassomeer (Westatlantik). Der dort abgelegte Laich entwickelt sich zu Larven, die von der Strömung nach Osten getragen werden und als durchsichtige Glasaale vor den Mündungen der europäischen Flüsse ankommen. Von dort steigen sie flussaufwärts ins Binnenland und über Bäche oder Gräben auch in die Binnenseen. Erst hier wird er, tagsüber im Schlamm verborgen, zum Fressaal, der sich nachts von Fischlaich, Fröschen, Schnecken, Muscheln, Krebsen etc. ernährt. Wird er nicht gefangen, wandert er nach mehreren Jahren wieder in das Sargassomeer zurück, um dort abzulaichen.

 


Aalräucherei in Steinhude, um 1960
Abtei  

Wohnhaus der Äbtissin bis 1552. Das urspüngliche Wohnhaus konnte die Äbtissin vom Stift aus über den Stadtgraben mittels einer kleinen Brücke erreichen, die sie im Bedrohungsfall abzureißen verpflichtet war. Das jetzige Gebäude, errichtet in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, ist nach mehrfachem Besitzerwechsel und stark verändernden Umbauten im Jahre 1987 äußerlich wieder in den Erbauungszustand zurückversetzt worden. Es beherbergt heute die Stadtbibliothek, einen Vortrags- und Veranstaltungssaal und das „Arnswalder Zimmer“, Archiv und Versammlungsraum des Heimatkreises Arnswalde.

 

Amt Bokeloh  

Ämter waren in den Territorien des heutigen Niedersachsen Verwaltungsbezirke, Vorläufer der im 19. Jahrhundert eingerichteten Kreise. Das Amt Bokeloh wurde im 15. Jahrhundert geschaffen, gehörte zur Grafschaft Schaumburg und umfasste neben Bokeloh auch Idensen, Mesmerode und die Exklave Klein-Heidorn, nicht jedoch Kronsbostel, das zum Amt Blumenau gehörte. Amtssitz war das Schloss Bokeloh. Im Zuge der Teilung der Grafschaft nach dem Tod des letzten männlichen Erben, Otto V. von Schaumburg im Jahre 1640, wurde das Amt in das Fürstentum Calenberg umgegliedert. 1819 wurde es dann mit dem größeren Amt Blumenau vereinigt, von dessen Sitz nun auch die Dörfer des vormaligen Amts Bokeloh verwaltet wurden.
Die Beamten des Amtes von 1736 bis 1807, ihre Kurzbiographie und ihre Familienangehörigen sind auf der Internetpräsentation der Familienforscherin (Geneaologin) Gabriele Fricke aufgelistet.

 

Amt Blumenau  

Ämter waren in den Territorien des heutigen Niedersachsen Verwaltungsbezirke, Vorläufer der im 19. Jahrhundert eingerichteten Kreise. Das Amt Blumenau, gebildet im 15. Jahrhundert, erstreckte sich zwischen dem Amt Neustadt und dem Amt Linden und umfasste zahlreiche Dörfer, unter ihnen auch Blumenau, Kolenfeld, Kronsbostel, Liethe und Luthe. Zum Amtssitz in Blumenau gehörten ein großes Amtshaus und zahlreiche weitere Gebäude, wie etwa eine Amtsscheune, in der die Getreide-Abgaben der zum Amt gehörenden Dörfer eingelagert wurden. 1819 wurde das kleine Amt Bokeloh in das Amt Blumenau eingegliedert, das noch bis zur Verwaltungsreform 1859 weiterbestand, dann zwischen den Ämtern Neustadt und Linden aufgeteilt wurde.

 

Amt Hagenburg  

Das schaumburgische, nach 1647 schaumburg-lippische Amt Hagenburg entsprach der im Volksmund sogenannten „Seeprovinz“.Zu dieser gehörten die Dörfer und Flecken an der Südseite des Steinhuder Meeres, also auch die heutigen Wunstorfer Ortsteile Steinhude und Großenheidorn. Das Amt Hagenburg wurde im Jahre 1879 mit dem Amt Stadthagen zum neuen Landratsamt Stadthagen (ab 1923 Kreis Stadthagen) vereinigt. Bei der Gebiets- und Verwaltungsreform 1974 wurden die beiden Orte dann in den neuen Landkreis Hannover und die Stadt Wunstorf eingegliedert.

 

Dreißigjähriger Krieg
 

Als nach dem Ende der böhmisch-pfälzischen Kriegsphase sich der Krieg zum niedersächsisch-dänischen Krieg (1625-1629) wandelte, verlagerte sich ein Teil des Kriegsgeschehens auch ins südwestliche Niedersachsen. Dadurch wurde auch Wunstorf stark in Mitleidenschaft gezogen. Die schwersten Schäden erlitt Wunstorf schon am 21. August 1625: Nachdem Reiter des kaiserlichen Feldherrn Tilly von Wunstorfern zur Verteidigung ihrer Ernte angegriffen worden waren, gab der in Tillys Diensten stehende Oberst Fent die Stadt zur Plünderung und Brandschatzung frei. Mehrere Wunstorfer wurden getötet, 152 Wohnhäuser brannten ab, zahlreiche Wunstorfer wurden beraubt.
Auch in den Folgejahren des Krieges blieb Wunstorf nicht verschont, so während der zweimaligen Belagerung Neustadts. Durchziehende Truppen, Einquartierungen, Kontributionen, die Bezahlung von zur Sicherheit der Stadt aufgestellten Schutzwachen, erneute Plünderungen, sowie im Gefolge des Krieges auftretende Epidemien wie die Pest und Viehseuchen sorgten für einen lang anhaltenden Niedergang der Stadt. Schon 1629 wurden die Schäden in Wunstorf mit 107.000 Talern beziffert, was dem Wert von 13.000 Kühen entsprach; noch 1654 waren 112 der abgebrannten Feuerstätten nicht wieder bebaut.
Auch die anderen heute zu Wunstorf gehörenden Ortschaften hatten unter dem Dreißigjährigen Krieg zu leiden: Klein Heidorn wurde von marodierenden Truppen in Brand gelegt, Kolenfeld hatte enorm unter Einquartierungen, Plünderungen und Kontributionen zu leiden.

 

Fliegerhorst
 

Der Fliegerhorst Wunstorf wurde im Zuge der Aufrüstung und Kriegsvorbereitung des NS-Regimes im Jahre 1935 angelegt; viele Bauern, insbesondere aus Klein Heidorn, mussten dafür Land opfern. Flieger des Stützpunktes gehörten schon bald darauf der Legion Condor an, die im Spanischen Bürgerkrieg zur Unterstützung der Truppen des späteren Diktators Franco Bombenangriffe flog. Unter anderem wurde dabei die baskische Stadt Guernica zerstört.Während des Zweiten Weltkrieges beherbergte der Fliegerhorst vor allem Jagd- und Zerstörerverbände, die von hier aus die Bomberströme der Alliierten angriffen.
1945 wurde der Fliegerhorst von der britischen Luftwaffe übernommen, die ihn weiter ausbaute. Viele der englischen Soldaten wurden in der neu erbauten Reihenhäusern der „Roten Siedlung“ in der Oststadt untergebracht.

Die Luftbrücke zur Versorgung der Berliner Bevölkerung während der sowjetischen Blockade Berlins hatte ihren eigentlichen Beginn mit dem Start einer C-47 ("Rosinenbomber") am 28. Juni 1948 in Wunstorf.

1958 erfolgte die Übergabe des Fliegerhorstes an die Luftwaffe der drei Jahre zuvor gegründeten Bundeswehr, die zunächst ihre Flugzeugführerschule S hier stationierte. Die Verabschiedung von Bundeskanzler Adenauer 1963 fand auf dem Fliegerhorst Wunstorf mit großer Truppenparade statt.

Die Flugzeugführerschule S wurde 1978 umgewandelt in das Lufttransportgeschwader (LTG) 62. In den Jahren zuvor war das Transportflugzeug Transall eingeführt worden, das seither ständig im Luftraum über Wunstorf präsent ist. Verstärkt seit den 1990er Jahren und den verschiedenen Beteiligungen der Bundeswehr an UN-Missionen sind die Transall-Maschinen auch im UN-Weiß vor den Hallen des Fliegerhorsts aufgereiht. Der Fliegerhorst ist seit 1960 immer wieder Schauplatz der bei der Bevölkerung beliebten „Tage der offenen Tür“, zuletzt im Juni 2005 anlässlich des 50jährigen Jubiläums der Bundeswehr

Abschiedsparade für Bundeskanzler Adenauer 1963
auf dem Fliegerhorst Wunstorf

Im Zuge des Strukturwandels der Bundeswehr stand der Fliegerhorst Wunstorf vor der Aufgabe, doch konnte die Wunstorfer Politik zusammen mit dem Lufttransportkommando in Münster und den Bundestagsabgeordneten das Verbleiben am Standort erreichen, was für Wunstorf insofern ein großer Erfolg war, als der Fliegerhorst ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und größter Arbeitgeber der Stadt ist.

Literatur:
Brieden, Hubert u.a.: „Ein voller Erfolg der Luftwaffe“, Neustadt a.Rbge. 1997
Schönemeier, Friedrich: Klein Heidorn. Geschichte des Dorfes, Klein Heidorn 1973
Wittrock, Heiner: Fliegerhorst Wunstorf, 2 Bände, Wunstorf 1995 und 1998

 

Flüchtlinge und Vertriebene  

Noch während und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg war Wunstorf mit seinen heutigen Ortsteilen Ziel des Zustroms von Flüchtlingen und Vertriebenen aus Ostdeutschland und den ehemals deutsch besiedelten Regionen Osteuropas. Die Menschen mussten den größten Teil ihrer Habe in ihrer Heimat zurücklassen und hatten auf dem langen Weg in den Westen viele Entbehrungen erlitten. Sie befanden sich bei ihrer Ankunft in der größten Not. Um sich ihrer anzunehmen, wurde in Wunstorf ein Flüchtlings- und Wohlfahrtsamt eingerichtet. Viele von ihnen wurden notdürftig im Gebäude des Hölty-Gymnasiums untergebracht. Bald wurden auch, an der Kiesgrube am Nordrand der Stadt, behelfsmäßige Baracken errichtet, die in den 1960er Jahren wieder abgerissen wurden.

Doch für die nun sprunghaft angestiegene Bevölkerung Wunstorfs (die Kernstadt zählte 1949 rund 3.500 Flüchtlinge und Vertriebene, insgesamt jetzt 11.600 Einwohner) musste dauerhaft neuer Wohnraum geschaffen werden.
Der 1946 gegründete Bauverein errichtete neue Wohnhäuser und –siedlungen zunächst am Ohlendorfweg, dann in der Neustädter Straße und an der Blumenauer Straße im neuen Stadtteil Oststadt. Die anfangs nicht selten angefeindeten Flüchtlinge und Vertriebenen organisierten sich zunächst vor allem im „Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ (BHE). Dass 1956 erstmals mit Josef Wientzek einer der ihren Bürgermeister wurde, zeigt ihre beginnende Integration.

Literatur:
Holodynski, Erwin/Mandel, Armin: neue Heimat Wunstorf. Ausgebombt geflüchtet vertrieben … aufgenommen. Ein Bericht über die Notzeit Ende 1944 und die ersten Nachkriegsjahre in Wunstorf, Wunstorf 1981

 

Umzug Vertriebener
Umzug Vertriebene 1949

Hildesheimer Stiftsfehde  

Die Hildesheimer Stiftsfehde kann durchaus als Krieg bezeichnet werden, wenn auch die Bezeichnung „Fehde“ an einen Zwist mittelalterlicher Fürsten denken lässt. Doch was insbesondere das Calenberger Land in den Jahren 1519-1523 verheerte, war ein Vorbote der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges hundert Jahre später.

Ausgangspunkt war ein Aufstand des Adels im Bistum Hildesheim gegen die von Bischof Johann beabsichtigte Form der Tilgung der Landesschulden. Herzog Erich von Braunschweig-Calenberg, sein Vetter Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel und dessen Bruder Franz, Bischof von Minden, unterstützten den Adel gegen den Bischof von Hildesheim. Dieser wurde wiederum von Herzog Heinrich von Braunschweig-Lüneburg und den Grafen von Schaumburg, von Lippe und anderen unterstützt. Jeder der Beteiligten hoffte dabei, seine eigenen Territorien vergrößern zu können. Zahlreiche Dörfer und Städte des Fürstentums Calenberg wurden beim Feldzug des Hildesheimer Bischofs niedergebrannt, um seinen Gegner zu schädigen, so auch Wunstorf, Kolenfeld, Luthe, Kronsbostel (heute zu Bokeloh gehörend), Blumenau und Liethe. Verschont wurden Steinhude, Großen- und Klein Heidorn, da sie dem Grafen von Schaumburg gehörten.

Der Sieg Johanns in der Schlacht bei Soltau 1519 nützte ihm und seinen Verbündeten jedoch wenig, da König Karl V. (ab 1530 Kaiser) die Calenberger und Wolfenbütteler Herzöge unterstützte, so dass bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges ein großer Teil des Bistums Hildesheim an diese fiel.

In der Darstellung der Hildesheimer Stiftsfehde von Johannes Krabbe von 1591 sind deutlich als in Brand gesetzte Orte Kronsbostel, Wunstorf, Blumenau und Luthe zu erkennen.

Juden  
Juden sind in Wunstorf seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar, haben aber wohl schon seit etwa 1300 in der Stadt gelebt. Infolge der Judenemanzipation im 19. Jahrhundert etablierte sich hier eine bedeutende jüdische Gemeinde, der auf dem Höhepunkt ihrer Existenz (um 1860) fast 90 Personen angehörten. Im Jahre 1925 lebten noch 69 Bürger jüdischen Glaubens in Wunstorf, die überwiegend als Kaufleute und Händler tätig waren. Unter ihnen waren verschiedene Persönlichkeiten, die sich um die Entwicklung Wunstorfs verdient gemacht haben, wie etwa der Holzhändler Emil Kraft, der seit 1924 im Bürgervorsteherkollegium war, als ehrenamtlicher Senator in den Magistrat gewählt wurde und sich wie auch seine Frau Elfriede wohltätig engagierte. Ihre Synagoge hatte die Gemeinde in der Küsterstraße.


Der Pferdehändler Alex Schönfeld (1871-1933) mit seiner Frau Flora ( 1869-1936) und den Kindern Edgar,
Herbert (auf den Pferden) und Hanni.
Die beiden Söhne und die Tochter emigrierten in den 1930er Jahren in die USA.

Infolge der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung ist auch die Wunstorfer jüdische Gemeinde ausgelöscht worden. 41 ihrer Angehörigen kamen gewaltsam ums Leben, dazu die Steinhuderin Ida Frank. An diese 42 Menschen erinnern heute ein 2002 vom Bildhauer Ostap Rebmann geschaffenes Mahnmal neben der Abtei, außerdem noch verschiedene Straßennamen. Letzte authentische Relikte des früheren Lebens von Juden in Wunstorf sind – außer einer Reihe von Akten und Fotos im Stadtarchiv - verschiedene Wohnhäuser jüdischer Bauherren und der Judenfriedhof an der Straße Nordrehr. Ein weiterer Judenfriedhof liegt im Hohen Holz unweit des Wasserwerks; dort sind Angehörige der jüdischen Gemeinden Hagenburgs und Steinhudes im 18. und 19. Jahrhundert begraben.

Zahlenmäßige Entwicklung der jüdischen Bevölkerung Wunstorfs

Literatur:
Wittrock, Heiner: Das Schicksal der Wunstorfer Juden, Wunstorf 1990
Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen / hrsg. von Herbert Obenaus. In Zusammenarb. mit David Bankier und Daniel Fraenkel, Göttingen 2005, Bd. II, S. 1591-1599

 

Kronsbostel (Cronsbostel)  

Bis zur preußischen Gebietsreform von 1928 eigenständiges Dorf, bis 1859 zum Amt Blumenau gehörig (jedoch nie zum bis 1819 bestehenden Amt Bokeloh), dann zum Amt, ab 1885 Kreis Neustadt a. Rbge. Erstmals 1360 erwähnt. Grundherren waren im 14. Jahrhundert die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg und das Stift Wunstorf, im 17. Jahrhundert J. von Walthausen, dem auch das Gut Liethe gehörte; zu dieser Zeit bestand Kronsbostel aus drei Meierhöfen und einem Kötnerhof, die Einwohnerzahl betrug 34 (1689). Während der Hildesheimer Stiftsfehde 1519 wurde Kronsbostel von den Truppen des Bischofs von Hildesheim niedergebrannt.
Aufgrund des preußischen Gesetzes zur Reform des Gemeindeverfassungsrechts vom 27. Dezember 1927 wurde Kronsbostel, wo 1924 25 von 34 Wahlberechtigten die Deutsch-Hannoversche Partei gewählt hatten, im Jahre 1928 nach Bokeloh eingemeindet.

Literatur:
Begemann, Ulrike: Bäuerliche Lebensbedingungen im Amt Blumenau, Hannover 1990.
Lathwesen, Heinrich (Bearb.): Das Lagerbuch des Amtes Blumenau von 1600, Hildesheim 1978.
Wiborg, Jan Peter: Bokeloh. Ein Dorf im Strukturwandel, Bielefeld 1998


Kronsbostel in der Preußischen Landesaufnahme von 1896

 

Magnus, Karl Heinrich Louis  

geb. 14. Juni 1848 in Holte bei Nienburg, gest. 6. September 1911 in Wunstorf. Magnus ergriff wie sein Vater den Lehrerberuf und kam 1875 als Seminarlehrer nach Wunstorf. Hier gründete er 1877 die Präparandenanstalt als privates Institut und blieb ihr Vorsteher bis zu seinem Tod. War ebenfalls beteiligt an der Gründung der Handelsschule (1893) und der Höheren Knaben- und Mädchenschule (1904), ab 1910 Scharnhorstschule. Verfasser und Mitherausgeber zahlreicher Rechenbücher, des Hannoverschern Lehrerkalenders und anderer Unterrichtswerke, entwickelte auch eine zeitweilig sehr verbreitete „Wunstorfer Rechenmaschine“.

Neben seiner Tätigkeit als Pädagoge war Magnus aber auch ein engagierter Bürger seiner Stadt. Er gründete den Arbeiterverein (1893) und war an der Gründung der Freiwilligen Feuerwehr (1894) ebenso beteiligt wie an der des Verschönerungs- und Verkehrsvereins (1897). Von 1894 bis 1900 war er Mitglied des Bürgervorsteher-Kollegiums. Er war Initiator des 1901 enthüllten „Kriegerdenkmals“ („Germania“) vor der Marktkirche (heute vor dem Hölty-Gymnasium), war maßgeblich beteiligt an der Anlage des Bürgerparks (1905) und der Errichtung des Scharnhorst-Denkmals ebendort (1907). Im wurden zahlreiche Ehrungen zuteil: Er war Träger des preußischen Kronenordens 4. Klasse, Ehrenmitglied verschiedener Vereine und schließlich Ehrenbürger der Stadt Wunstorf.

Lit.: Nachruf von Techter in der Hannoverschen Schulzeitung, September 1911;

Broschüre von Berndt Günther „Wer war Heinrich Magnus“

 


Heinrich Magnus am Schreibtisch - Ausschnitt
Schützenfest  
Die Akten über das Wunstorfer Schützenfest gehen bis auf das Jahr 1710 zurück (siehe Findbuch zum Hauptbestand), doch ist das Fest eine noch viel ältere, wohl mittelalterliche Institution. Wie andernorts auch, begann die Schützenfesttradition sicher auch hier mit dem Vogelschießen, an das noch der silberne Vogel an der Königskette erinnert.
Zum Schützenfestumzug 1956 nehmen der Vorjahres-Schützenkönig Willi Basse und links von ihm Stadtdirektor Dr. Neuhoff und Bürgermeister Drischler auf dem Marktplatz Aufstellung.


Inzwischen ist das Schützenfest Wunstorfs größtes Volksfest, das jedes Jahr Anfang Juni stattfindet und vier Tage dauert.Im Jahre 1966 erfuhr das Schützenfest eine wesentliche Neuerung: In den einzelnen Stadtteilen wurden Kompanien gegründet, die Altstadt-, Nordstadt- und Südstadtkompanie, denen 1971 noch die Oststadtkompanie folgte. Auch in den einzelnen Ortsteilen wird es jährlich gefeiert.

Literatur: Paul Schiller: Schützenfeste – ein Stück Geschichte der Stadt Wunstorf, Wunstorf 1986

Viehverkaufshalle AG (VVH)  

Die Viehverkaufshalle AG (VVH) wurde im Jahre 1912 zur Förderung des regionalen Viehhandels gegründet. 135 Aktionäre waren an der Gesellschaft beteiligt, auf die Stadt Wunstorf entfielen 30.000 der insgesamt 80.000 Reichsmark betragenden Gründungskapitals. Ab dem 1. April 1913 fand der wöchentliche Ferkelmarkt, ab 1953 wurde auch der vorher in Lehrte stattfindende monatliche Pferdemarkt hier abgehalten.

Nachdem der Schlachtviehmarkt aus veterinärpolizeilichen Gründen 1962 eingestellt werden musste und auch der Ferkelmarkt nicht mehr rentabel war, bestanden die Einnahmen der Gesellschaft ab 1970 nur noch aus Verpachtung und Vermietung der Halle. Ein letzter Pferdemarkt fand 1995 statt. Anschließend übernahm eine Baufirma die Gesellschaft, um den ganzen Komplex durch Abriss und Neubauten in ein Ärztehaus mit Tagesklinik und Apotheke umzugestalten.

Hinweis: Der Nachlass der Gesellschaft wird, durch ein Findbuch erschlossen, im Stadtarchiv Wunstorf aufbewahrt.

 

Wüstungen  

Aufgrund Krieg, Hungersnot, Seuchen, wirtschaftlicher Krisen oder anderer Gründe verlassene bzw. geleerte, „wüst gefallene“ Dörfer, die daraufhin verfielen und später ganz vom Erdboden verschwunden sind, so dass ihre Lage zum Teil heute nicht mehr genau bestimmt werden kann. Belege für ihre Existenz sind Urkundenerwähnungen und archäologische Fundstücke. Auf dem heutigen Wunstorfer Gebiet können die Wüstungen Blenze (südwestlich von Luthe), Düendorf (südlich des gleichnamigen Gutes), Detwerdesdorpe (in der Luther oder Kolenfelder Gemarkung), Ewippe, Hukesmere, Nenstede, Westenem (in der Kolenfelder Gemarkung) und im Bereich der Kernstadt Hemmendorpe (westlich des früheren Westtores), Byhorst und Hedessen (vor dem Nordtor), Ittendorpe (zwischen Haster Straße und Südaue, Flur „Ilenpump)“, Bernstorpe (zwischen Düendorf und Kronsbostel), Monekendorpe (auf dem Gelände des heutigen Landeskrankenhauses) und Sudhop (östlich von Monekendorpe), Borstelhop (vor dem Südtor) identifiziert werden.

 

Zementfabrik  

Die Wunstorfer Zementfabrik prägte ein rundes Jahrhundert das Gesicht der Stadt. 1889 als „Schmidt, Brosang und Co. Kommanditgesellschaft“ gegründet, wurden die Wunstorfer „Portland-Cementwerke“ im Jahr 1900 zur Aktiengesellschaft umgewandelt. Der Rohstoff für die Zementherstellung bestand aus Mergel, einem Ton-Kalkstein-Gemisch, das in der Mergelgrube bei Kolenfeld gewonnen und zunächst mit einer Lorenbahn, später mit einem „Mergelwurm“ genannten 5 km langen Förderband nach Wunstorf befördert wurde.

Für Werksangehörige wurden 1939 zwölf Siedlungshäuser in unmittelbarer Nähe gebaut, 1950 folgten weitere zehn Häuser mit 20 Werkswohnungen. In der Nachkriegszeit rückte die Wohnbebauung – anfangs in genügend großer Entfernung zum Werk – immer näher, so dass sich die Klagen der Bewohner über Staub und Lärm häuften. Dazu kamen in den 1980er Jahren Absatzprobleme wegen der Krise der Baubranche und Konzentrationsbewegungen in der Zementindustrie. Diese führten schließlich zur Stillegung der inzwischen zur Nordcement-Gruppe gehörenden Zementfabrik zum Jahresende 1985 und zur Entlassung von über 100 Betriebsangehörigen. Die Werksanlagen wurden in den folgenden Jahren abgebrochen, spektakuläres Ende war die Sprengung von Großsilo und Schornstein im Februar 1989.
Das ehemalige Betriebsgelände ist inzwischen Teil des Gewerbeparks Süd.

 


Die Zementfabrik ca. 1960

 

 

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